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politics, style & more

Netzzensur beschlossene Sache

Geschrieben von: lars

China-wir-sind ((via fefe))
Netzpolitik.org:

Mit 389 Ja-Stimmen bei 128 Nein-Stimmen und 18 Enthaltungen hat der Bundestag heute bei 535 anwesenden Abgeordneten die Zensursula-Gesetzgebung beschlossen. Jetzt fangen die Planungen für Verfassungsklagen an.

Ein schwarzer Tag für die digitale Gesellschaft. Das wird ein heißer Online-Wahlkampf für die beiden Volksparteien werden.

Wir haben mit der #zensursula – Kampagne Grossartiges geleistet. Darauf können wir aufbauen, besser werden und die Politik verändern. Ich freue mich, dass Netzpolitik allmählich in den medialen und gesellschaftlichen Mainstream vordringt. Neue Öffentlichkeiten entstehen in einer netzwerk-zentrierten neuen Kommunikationswelt und wir lernen langsam, unsere digitalen Werkzeuge Ad-Hoc vernetzt und mit Open Source Prinzipien zu nutzen. Damit werden wir täglich schlagkräftiger und damit werden wir immer mehr die digitale Gesellschaft definieren und mit Leben füllen. Viele Menschen werden wieder politisiert und fangen an, ihre politische Meinung im Netz und analog zu äussern. Das macht Spass, ist kreativ und eine sinnvolle demokratische Aufgabe. Macht dabei mit!

((Hervorhebungen von mir))

Bei Netzpolitik.org bekommt man auch eine Liste welcher Abgeordnete wie abgestimmt hat. Noch besser geht es nur hier: HatMeinAbgeordneterFürNetzsperrenGestimmt.de

Bis zu letzt hat die Internetgemeinde alles daran gesetzt das Gesetz zu verhindern:

Letztes Aufbäumen gegen Zensurgesetz
Die Online-Petition bricht inzwischen alle Rekorde. Heute, am letzten Tag der Mitzeichnungsfrist, sind bereits mehr als 130.000 Mitzeichner dabei. Wenn die SPD sich nicht im letzten Moment eines besseren besinnt und das Zensurgesetz doch noch ablehnt, wird sie im September dem Projekt 18% deutlich näher kommen.

Auf Spreeblick wird bereits “Auf Nimmerwiedersehen, SPD” geschrieben. Mit einer schönen Grafik dazu. :-) Außerdem macht per Twitter schon das passende Lied die Runde. Update: Ein sehr schönes Bild gibt es auch beim Evildaystar.

Der Internetexperte der SPD-Fraktion im Bundestag, Jörg Tauss, hat in einem letzten Akt der Verzweiflung einen lesenswerten offenen Brief an seine FraktionskollegInnen geschrieben[…]

Bei Tagesschau.de hat Markus Beckedahl ein Interview gegeben:

“Büchse der Pandora wird geöffnet”
Die Internetgemeinde hat ein neues Feindbild: Die Familienministerin mit dem neuen Kinderpornographie-Bekämpfungsgesetz. Einer der prominentesten deutschen Blogger und “Zensursula”-Aktivist Markus Beckedahl bekräftigt im Interview mit tagesschau.de seine Kritik: Durch das neue Gesetz werde keinem Kind geholfen.

Vor dem Brandenburger Tor gab es eine Mahnwache gegen Internetzensur.

Erklärung des Online-Beirats der SPD

Wir fordern die SPD-Fraktion auf, gegen das geplante Gesetz zu den Netzsperren (“Kinderpornographiebekämpfungsgesetz”) zu stimmen. Der mit der Union ausgehandelte Kompromiss ist absolut inakzeptabel, was man bereits an der Begeisterung erkennt, mit dem der Koalitionspartner zugestimmt hat.

Unter den vielen Gründen, die für die Ablehnung sprechen, möchten wir drei besonders herausheben.

1. Es handelt sich um ein Gesetz, das einen Zensurmechanismus errichtet. Die Angst der Bürger, dass dieser Mechanismus mißbraucht wird, ist angesichts der vielen Forderungen der Ausdehnung der Netzsperren hoch berechtigt.
Unabhängig von der Intention des Gesetzgebers besteht die Gefahr, dass Gerichte die Nutzung einer einmal aufgebauten Zensurinfrastruktur auch auf andere Tatbestände ausdehnen werden.

2. Der notwendige Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornographie muss intensiv und vorbehaltlos geführt werden, aber mit effektiven Mitteln. Die Netzsperren sind erwiesenermaßen ineffektiv und zudem mit hoher Wahrscheinlichkeit grundgesetzwidrig. Sie berücksichtigen nicht, dass Kinderpornografie im Internet fast ausschließlich in geschlossenen Nutzergruppen wie Foren oder Chat-Systemen verbreitet wird. In der Antwort auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion hat das Wirtschaftsministerium bestätigt, dass die Bundesregierung keine Erkenntnisse über die internationale Verteilung von Webseiten mit kinderpornografischen Inhalten hat. Auch liegen keine Informationen vor, in welchen Staaten Kinderpornografie nicht verfolgt wird.

3. Die SPD ist dabei, sich für die Digitale Generation unwählbar zu machen.
Das wird sich bereits bei Bundestagswahl niederschlagen, weil mit der Entscheidung für die Netzsperren jeder Internet-Wahlkampf ad absurdum geführt wird – erst recht, weil der Online-Wahlkampf 2009 unter der besonderen Aufmerksamkeit aller Medien steht. Eben die Klientel, die Barack Obama zum mächtigsten Mann der Welt gemacht hat, die Multiplikatoren im Netz nämlich, sehen in den Netzsperren einen Verrat an allen Werten, die die SPD
ausmachen: Demokratie, Fortschritt, Teilhabe. Es gibt eine handvoll lauter Stellvertreter dieser Generation; hinter ihnen stehen die 130.000 Mitzeichner der erfolgreichsten Petition aller Zeiten – aber auch die vielen Millionen jungen Menschen, die zum Teil schon wählen können und für die das Netz nicht einfach ein weiterer Medienkanal ist. Sondern der Ort, wo die Gesellschaft, ihre Gesellschaft stattfindet. Unwählbarkeit bedeutet hier für eine Partei also, sich jede Zukunftschance zu vernichten.

Wir, der Online-Beirat sehen in der Zustimmung zu diesem Gesetz daher einen fatalen Fehler, dessen tiefgreifendes Ausmaß für viele jetzt noch nicht abzuschätzen ist – in jedem Fall aber der SPD dramatisch schaden wird. Bitte stimmen Sie deshalb auch in Ihrem eigenem Interesse gegen die Netzsperren!

Berlin, 17. Juni 2009

Der Online-Beirat

Der 2007 vom Parteivorstand ins Leben gerufene Online-Beirat der SPD besteht aus rund 20 Mitgliedern, die sämtlich der Partei nahestehen oder Mitglieder sind. Aufgabe des Online-Beirats sollte es sein, den Parteivorsitzenden und den Parteivorstand in Fragen der politischen Kommunikation im Internet zu beraten. Obwohl der Online-Beirat kein offizielles Gemium ist, war bislang die öffentliche Aufmerksamkeit sehr hoch – es sind allein in diesem Jahr mehr als 40 Interviews geführt worden – unter anderem bei Maybritt Illner, Süddeutsche Zeitung, ZEIT, SPIEGEL, Stern, dpa, ZDF, ARD, 3sat. Sollte es mit der Unterstützung der SPD-Fraktion zu den Netzsperren kommen, werden die unterzeichnenden Mitglieder des Online-Beirats die Beirats- und Repräsentationstätigkeit bis auf Weiteres ruhen lassen.

Die Unterzeichner:

Dr. Christoph Bieber
Sascha Boerger
Markus Hagge
Sascha Lobo
Nico Lumma
Andreas Maurer
Ute Pannen
Dr. Jan-Hinrik Schmidt
Oliver Zeisberger

Bei Fefe “kommen die ersten Mails von SPD-Mitgliedern an, die bei der Verräterpartei aus- und bei den Piraten eintreten”.

Überhaupt wird auf die SPD berechtigterweise ziemlich drauf geknüppelt: Hier ein Auszug von Johnny Haeusler auf Spreeblick:

Auf Nimmerwiedersehen, SPD!
stopp-spd

Das war’s dann wohl endgültig mit der SPD und mir. Von der CDU erwarte ich nichts, so lange ich denken kann erregt das Weltbild dieser Partei bei mir nur Übelkeit, aber was sich die SPD in den letzten Jahren geleistet hat und besonders, was nun im halbherzigen, feigen und vor allem völlig nutzlosen Verhandlungsgefasel hinsichtlich der Internetsperren zu sehen war und ist, bringt das Fass zum Überlaufen. Mein Vater, der alte Sozi, würde sich im Grab umdrehen, müsste er das alles mit ansehen.

Wer die bisher erfolgreichste Online-Petition mit über 130.000 Stimmen sowie Hinweise aus den eigenen Reihen und Experten-Meinungen aller Art ignoriert, der kann sich übrigens auch weitere Gespräche in die Haare schmieren. Diesen lächerlichen Image- und Strategie-Quark mache ich nicht mehr mit.

Später schreibt er noch in den Kommentaren:

Ich wäre nicht so verärgert, würde mir die SPD nicht trotz allem immer noch am Herzen liegen. Die “durchgesetzten” Punkte wären, wenn überhaupt, Selbstverständlichkeiten, aber sie sind keine Erfolge, denn sie bewirken nichts anderes als eine Verschiebung der Problematik.

Denn: Das System wird installiert. Mal sehen, wer darüber in vier Jahren – oder vielleicht schon in wenigen Monaten – verfügen wird.

Im Übrigen würde ich die Sperr-Diskussion keineswegs zu einer Wahlentscheidung machen, selbst wenn sie eine erhebliche Tragweite bei meiner Entscheidung hat. Nur: Wie sieht es denn ansonsten bei der SPD aus, z.B. bei den von dir angesprochenen Punkten? Vieles davon decken die Grünen inzwischen meiner Meinung nach wesentlich konsequenter ab. Was z.B. Bildungspolitik angeht: Da habe ich hier vor Ort genug von der SPD mitbekommen, danke.

Ich werde der Erste sein, der Voreiligkeit zugibt und einen Fehler bei dieser Entscheidung eingesteht, wenn die SPD mir Gründe dafür gibt. Das wird aber nicht leicht für die Sozialdemokraten.

Am besten gefällt mir aber die Wunschvorstellung von Frank in den Kommentaren:

Och, komm. Warte doch mal eine Generation ab. Ein paar Vernünftige scheinen ja dabei zu sein. Vielleicht kann man sie ja in 30 Jahren wieder wählen, wenn die große Koalition aus Piratenpartei und Grünen zu satt und konservativ geworden ist.

Aber genug geträumt zurück zu den realistischeren Zukunftsprognosen: ;)

Wenn es nach dem Mediengestalter.cc geht, kann Zensursula gleich weitermachen:
zensursula1 ((Bild von Mediengestalter.cc: Bilder nach CC Lizenz verwendet. Autoren hier und hier zu finden))

Update: Die dazugehörige Todesanzeige ist da:
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Update 2:
Am Samstag gibt es um 12 Uhr Demos mit dem Titel “Löschen statt Sperren” in vielen deutschen Städten. Ich bin vielleicht in Düsseldorf dabei, falls ich dass noch vor der Bildungsstreikdemo hinbekomme.

SIGINT 2009

Geschrieben von: lars

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Ich war am Samstag den 23.5.2009 in Köln auf der SIGINT, eine Konferenz zu den Diskursen im digitalen Zeitalter, veranstaltet vom Chaos Computer Club e.V. im KOMED in Köln, Deutschland.
Eines Vorweg: So leer wie es auf meinen Bildern aussieht war es natürlich nicht. Aber da dort (fast) jeder auf seine Recht pocht keine Bilder von sich ohne Genehmigung zu veröffentlichen, ist es natürlich nicht möglich Bilder von Menschenmassen zu machen. Ich habe also versucht auf meinen Bildern so wenige Menschen wie möglich drauf zu haben (Das funktioniert am besten morgens um 10 Uhr ;) ). Die Bilder unterliegen wie alles hier der cc-by-nc-sa Lizenz, für sehr viele Medien gebe ich sie aber auch als cc-by raus (auf Anfrage).

Der KOMED Gebäudekomplex ist wirklich ein sehr edler Veranstaltungsort und war (gerüchteweise) wohl unsagbar teuer:

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Ich hab einige sehr interessante Vorträge gesehen: Der Samstag stand unter dem Motto: Bugs, Pranks, and Insecurities – Freiräume, kreativen Normverletzung, und Hacktivismus.
Die Keynotes des Tages waren dem Thema entsprechend sehr unterhaltsam:

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Der zweite Vortrag den ich gehört habe war von Volker Gaßner von Greenpeace:
“Volker Gaßner, 39, Diplombiologe und Bankkaufmann ist seit dem Jahr 2000 bei Greenpeace als Campaigner und Projektleiter tätig. Er hat 2007 eine Internetstrategie für Greenpeace Deutschland entwickelt, die 2008 umgesetzt werden soll. Seit Januar leitet Volker Gaßner den Bereich Presse / PR / NewMedia.”
Thema war: Greenpeace Campaigning 2.0 – Aktionen auf der Straße und im Web.

Er stellte die Strategie von Greenpeace im Umgang mit neuen Medien vor. Vor allem auf die bald startende neue Community GreenAction.de ging er ein. Auf ihrem Blog und bei Twitter bekommt man die neusten Infos rund um GreenAction mit.
Er klärte über die Vor- und Nachteile der Berichte “von unten” auf und mit welchen Schwierigkeiten er selbst in einer scheinbar so dynamischen NGO hatte.

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Der dritte Vortrag war “DDos gegen das Grundgesetz” – Die Gesetzesvorhaben in Sachen Sicherheit…
“Gesetze zur Verbesserung der Sicherheitslage werden wöchentlich vorgeschlagen oder diskutiert. Werden dabei die Grundrechte hinreichend beachtet?”
Gehalten wurde der Vortrag von RA Dominik Boecker.

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Als nächster Vortrag war Wikileaks dran zum Thema:
Antizensur in Hochzeiten politischen Opportunismus und Kontrollwahns
Ein hochinteressanter Beitrag, der mir die Arbeit von Wikileaks erst mal näher gebracht hat. Ich kann nur jedem raten sich mal darüber zu informieren, denn auf die werden wir leider noch angewiesen sein. Gute Informationen zu Wikileaks bekommt man bei der englischen Wikipedia dort besonders interessant die beachtenswerten Leaks wo es zB: Informationen zu Leaks der Guantanamo Protokolle, Scientology Aufzeichnungen, Bilderberg Mitgliederlisten und vielem mehr gibt.

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Der nächste Vortrag den ich mir angehört habe war von Nick Farr:
Dancing: Direct Action in Disguise – New Strategies for Street Protest
Im Prinzip ging es um die Macht der Bilder und wie man es schafft bei einer Demo positive Eye-Catcher zu erzeugen und wie man diese dann an die Presse bringt.

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Medienpartner der SIGINT war unter anderen die Tageszeitung (taz):

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Die Taz hat übrigens im Moment einen richtig geilen Aufmacher:

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Kinderpornos löschen statt sperren. – Markus Beckedahl über Internetzensur.

Einen längeren Beitrag hat auch das Deutschlandradio Kultur zur SIGINT im der Sendung Breitband:

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Hier kann man sich die Sendung u.a. mit Markus Beckedahl und Volker Gaßner anhören.

Während der Sendung hat Jonathan Mann einen Song zur Internetzensur gesungen. (Jonathan Mann schreibt jeden Tag einen Song, mehr dazu auf seiner Homepage. Dort hat er übrigens auch eine andere Version dieses Song und den kompletten (sehr guten) Songtext)

[youtube eZB4pcnqK7k ZensurSong]

Zwischendurch war ich auf der Domplatte in Köln und habe beim Flashmob Grundgesetz lesen mitgemacht. Initiiert war das ganze von MOGIS (Missbrauchsopfer gegen Internetsperren).

Vom Grundgesetz geblendet

Vom Grundgesetz geblendet


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[youtube w6Ir0_A6GtE Flashmob]

Es war leider sehr schwierig im GG zu lesen und zu filmen, verzeit deswegen die schlechte Qualität.

Lustiger weise habe ich vor dem Kölner Hauptbahnhof noch einen Haufen junger Greenpeaceaktivisten getroffen:

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Es folgen ein paar Bilder der Stände dem Hackcenter und Impressionen der Veranstaltung:

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[Gastbeitrag] Warum es um Zensur geht

Geschrieben von: lars

Dieser Gastbeitrag stammt von Jens Scholz , der ausdrücklich zum Kopieren und Verbreiten aufgefordert hat. Und weil ich mir gedacht habe, dass die Leser dieses Blogs auch mal was vernünftiges lesen wollen, gibt es hier jetzt Zensur Content vom Feinsten:

Da reiben sich gerade so viele die Hände, dass man eigentlich ein beständiges Rauschen hören müsste. Die Idee, das Thema Kinderpornografie als Popanz vorzuschicken, um das nun geplante Internet-Zensursystem einzuführen war aber auch wirklich eine richtig gute. Hat das ja zuvor mit den Themen Terrorismus und Internet-Kriminalität nicht wirklich hingehauen, kann man hier spitzenmäßig mit dem Holzhammer wedeln und Kritiker einfachst diffamieren, indem man die eigentliche Kritik ignoriert und ihnen vorwirft, sie wollten die Verbreitung von Kinderpornografie schützen. Wie schnell schon der Vorwurf zum beruflichen und gesellschaftlichen Tod führen kann, zeigte man nur wenige Wochen zuvor ja schonmal anschaulich am Exempel Tauss (der übrigens natürlich nicht im Netz “erwischt” wurde, sondern über Handykontakte und DVDs per Post).

Aber ich schweife schon wieder – wie es durch die Wahl dieses Themas ja auch gewünscht ist – ab.

Denn das Problem, das die Kritiker haben, ist ja natürlich nicht, dass man den Zugang zu Kinderpornografie sperren will, sondern das Sperrinstrumentarium, das man dazu baut. Schaut man sich das an, merkt man schnell: Es geht nicht um Kinderpornos und wie man dagegen vorgeht. Ging es nie.

Es geht um die Installation eines generellen technischen Systems und die generelle Art und Weise, wie es betrieben wird: Es geht darum, dass eine waschechte, diesen Namen zu Recht tragende, Zensur ermöglicht wird. Auch wenn die zunächst gesperrten Websites tatsächlich nur Kinderpornografie beinhalten (was die Liste eigentlich extrem kurz halten müsste) wäre sowohl die Technik, die Verwaltung und sogar die Psychologie installiert, um sofort eine effektive Zensur betreiben zu können.

Technik
Die Provider sollen ihre Nameserver so umbauen, dass Webseiten, die das BKA aussucht und ihnen nennt, nicht erreichbar sind und dem Nutzer bei Aufruf stattdessen eine Sperrseite angezeigt wird. Gleichzeitig soll das BKA jederzeit abrufen könne, welche Nutzer auf Webseiten aus dieser Liste zugreifen wollten und stattdessen auf die Sperrseite geleitet wurden.

Ein normaler Internetnutzer, der seinen Nameserver nicht auf einen freien DNS-Server umstellt, sieht bestimmte Seiten nicht und erhält die Mitteilung, er wolle sich gerade Kinderpornografie ansehen. Ob das stimmt, weiß er nicht und nachprüfen darf er das auch nicht, da ja schon die Suche nach Kinderpornografie strafbar ist. Der Nutzer muss sich in diesem Moment weiterhin im Klaren sein, dass er gerade etwas getan hat, was das BKA als illegal ansieht und als Grund ansehen kann, gegen ihn vorzugehen.

Die allein schon technisch verursachten Risiken für jeden Internetnutzer sind immens, noch dazu, weil man damit auch noch eine perfide Beweisumkehr eingebaut hat: Sie müssen künftig ihre Unschuld beweisen, z.B. dass sie “versehentlich” die gesperrte Seite angesteuert haben. Viel Spaß beim Versuch, Richtern TinyUrls, iFrames, Rootkitangriffe, Hidden Scripting und so weiter zu erklären, wenn Sie überhaupt wissen, was das ist.

Die Lösung zunächst: Den Nameserver umstellen, um sich dieser Gefahr vollständig zu entziehen. Geht schnell und kann jeder.

Die Technik ist allerdings interessanterweise das kleinste Problem in dieser ganzen Geschichte. Es gibt Staaten, die in ihren Zensurbemühungen schon wesentlich weiter sind. Die Menschen dort können dennoch sowohl anonym als auch unzensiert das Internet benutzen. Das Internet ist von Nerds gebaut worden. Ein Staat kann da so viel fordern wie er will, er wird das Netz auf technischer Ebene never ever kontrollieren können.

Verwaltung
Hier liegen die springende Punkte, die das Ganze zum Zensurinstrument machen:

1. Die gesperrten Inhalte stehen auf einer Liste, die das BKA direkt und ohne Prüfungsinstanz erstellt und die die Provider möglichst ohne sie anzuschauen zu installieren haben. Es entscheidet kein Richter über den Inhalt, es überprüft keine unabhängige Institution über die Rechtmäßigkeit, es gibt keine Regelung, wie Adressen überhaupt wieder von der Liste gelöscht werden könnten. Die Polizei, die Verbrecher verfolgt, bestimmt, welcher Wunsch nach welcher Information ein Verbrechen ist. Vorab zu definieren, was ein Verbrechen ist und hinterher darüber zu entscheiden, ob ein Verbrechen begangen wurde ist aber nicht Aufgabe der Polizei.

2. Die Liste ist geheim. So lange diese Liste nicht in die Öffentlichkeit gerät kann alles drinstehen und nichts davon muss gerechtfertigt werden. Wer das in Frage stellt wird zum Verdächtigen. Wie Zensur in Reinform eben funktioniert.

3. Der Gesetzentwurf ist schwammig genug, dass das BKA im Prinzip alles in die Liste setzen kann. Da im Web jeder Inhalt nur einen Klick weiter vom letzten entfernt ist und das Gesetz möchte, dass auch “mittelbare” Seiten gesperrt werden können, kann somit de facto auch jede Seite gesperrt werden.

4. Das System soll die direkte Verfolgung von Zugriffen erlauben. es wird nicht nur gesperrt, sondern es kann auch nachgeschaut werden, wer sich die gesperrten Seiten ansehen will. Dies kann dann Anlass für verdeckte Überwachungen, Hausdurchsuchungen und andere existenzbedrohende Vorgänge sein.
Die Staatsanwälte dieses Landes üben ja seit einiger Zeit kräftig an der Vorverurteilungsfront, indem Sie inzwischen gerne mal Pressemitteilungen über eingeleitete Verfahren rausgeben und die Presse direkt zu möglichst spektakulär und öffentlichkeitswirksam inszenierten Verhaftungen mitnehmen (Zumwinkel, Tauss, Frau B.).

Psychologie
Womit wir schon beim gewünschten Effekt von Zensur sind: Die Einführung der Schere im Kopf. Die wirksame Selbstzensur, weil man nicht weiß, was eventuell passiert, wenn man zu laut und deutlich Kritik äußert. Die Geheimhaltung der Sperrliste und ihre völlige Unverbindlichkeit durch das Fehlen jeglicher Kontolle ist ein bewußt eingesetzes Instrument, um Verunsicherung zu erzeugen.

Ein anderes ist die Verknüpfung mit dem Thema Kinderpornografie, womit wir wieder am Beginn dieses Artikels wären. Man weiß ja inzwischen, dass auch nur der leiseste Ruch, man könnte eventuell irgendwas mit Kindesmissbrauch und Pädophilen zu tun haben, die Existenz vernichten kann, selbst wenn hinterher rauskommt, dass tatsächlich nichts an den Vorwürfen dran war. Wie nahezu generell nichts rauskommt. Das ist ein so extrem starkes und wirksames Druckmittel, was natürlich beispielsweise ein Herr Gorny sofort erkennt, weil sein Versuch, diese Schere im Kopf einzuführen (durch den Versuch, Filesharing als schreckliches Verbrechen zu diskriminieren), wirkungslos blieb und er sich nun an den besser funktionierenden Trigger dranhängt (indem er Urheberrechtsverletzung mit Kindesmissbrauch gleichsetzt).

Die Justizministerin gibt dann noch Tipps in die richtigen Richtungen, die natürlich prompt reagieren. Überhaupt, das mal ganz nebenbei, finde ich es immer wieder seltsam, dass Frau Zypries immer wieder als Warnerin vermittelt wird. Dabei war – so sagt sie zumindest – sie es, die den Gesetzentwurf gegenüber dem Vorabvertrag von Frau von der Leyen verschärfen ließ und dieser nun schon den Zugriff auf Stopp-Seiten verfolgen lassen will.

Um die Frage zu beantworten, warum und wann es in einer Gesellschaft überhaupt dazu kommen kann, dass ein Teil davon meint, einen solchen Eingriff vornehmen zu müssen und der andere Teil (zu dem ich u.a. mich zähle) darin ein so massives Unrecht sieht, das es zu bekämpfen gilt, kann man sich bitte den Artikel “Kampf der Kulturen” drüben bei netzpolitik.org durchlesen.

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